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Arizona: Wo Wüsten vegetieren

Dünen im Grünen: Golf in Arizona heißt nicht automatisch Golf in der Wüste, wie Erich Weiss bei kuscheligen 25 Grad (im Dezember!) feststellen durfte. Am Speiseplan: Scottsdale, als Amuse Geuele: 16 Stunden Flug.

Reisen - Mai 2017 von Alfred Neugebauer
Arizona: Wo Wüsten vegetieren

200 Golfkurse in der Region, 70 Hotels und Resorts, 50 Nachtclubs und Bars und mehr als 600 Restaurants verspricht die Werbebroschüre, die ich auf dem Flug in den Wilden Westen schon ein wenig genervt durchblättere. Schließlich dauert ein kontinentales Airporthopping von Wien-Schwechat via Chicago nach Phoenix mit allem Drum und Dran doch knapp 16 Stunden. Da spürt man auf den letzten Flugstunden zwischen Junk Food mampfenden typischen amerikanischen Durchschnittsbürgern eingepfercht, den Jet-Lag in die müden Knochen kriechen. Aber die Vorfreude auf dieses Golf-El Dorado mit den originellsten und besten Designs der Welt mitten in der Wüste, mit den typischen Fels- und Kakteenszenerien hält mich munter, während meine zwei schwergewichtigen Nachbarn längst eingenickt sind. Zeit, in Ruhe noch einmal den Prospekt aufzuarbeiten: 330 Sonnentage im Jahr, 25-28 Grad im Dezember stimmen fröhlich, dazu der aktuell günstige Dollarkurs – da muss man als Golfer hin.

Bitter allerdings, dass sich einer der seltenen Regentage just bei meiner Ankunft ankündigt, und zwar als klassiches Pazifik-Tief. Für Arizona heißt das geschätzte 24 Stunden Dauerregen, für die die nördlichen Landesteile: Blizzard-Alarm.

Die, teils skurillen, Folgen: Überschwemmte Straßen und – mitten in der Wüste – überflutete Golfplätze. Somit endet auch Runde 1 vernünftigerweise nach neun Loch, weil auf einem selbst und in der Umgebung sowieso kein trockenes Fleckchen mehr zu entdecken ist. Wie man mir von einheimischer Seite glaubhaft versichert, ist das der katastrophalste Niederschlag um diese Jahreszeit seit vielen Jahren und man sei ohnedies froh, endlich Wasser zu kriegen, auf dass die Wüste ergrüne.

Grüne Wüste? Wüste heißt doch Sand, Stein, Karst, Trockenheit, Oase, was weiß ich sonst noch, aber Regen und Grün? Weit gefehlt, die Sonora-Wüste Arizonas ist eine Gegend voller Vegetation, mit vielen blühenden und stechenden (natürlich), teils winzigen, aber meist riesigen Kakteen und ähnlichem Krautwerk. Und ausgerechnet in dieser doch eher unwirtlichen Gegend befinden sich in einem Umkreis von wenigen Kilometern Golfplätze, der Namen einem wie Honig auf der Zunge zergehen: The Boulders, Troon North, The Phoenician, Grayhawk, Legend Trail, natürlich TPC Scottsdale und, und, und…

Arizona: Wo Wüsten vegetieren100 Jahre Golf 

Das war natürlich nicht immer so. Golf begann in Arizona eigentlich spät, so ziemlich genau vor 100 Jahren, als ein paar Pioniere einen Neun-Loch-Platz errichteten, die Fairways aus Sand und Stein mit Öl befestigten und die „Grüns“ aus ausgerollten, gepressten und ebenfalls mit Öl und Teer verfestigten Baumwollplanen bauten. Praktischerweise lag der Kurs in der Nähe eines Kanals. So wurden am Montag die Fairways geflutet, am Dienstag ließ man alles trocknen und ab Mittwoch konnten Arizonas Golfaltvorderen ihrem Hobby nachgehen. Das mit dem Fluten scheint also keine schlechte Idee gewesen zu sein, denn am dritten Tag meines Aufenthalts war dann alles so, wie man sich´s eben vorstellt (und die Broschüre im Flieger versprach): Blitzblauer Himmel, 25 Grad und die Golfplätze erfrischend grün (tatsächlich!). Allerdings nur dort, wo es eben grün sein soll und das heißt in Arizona: Tee, Fairway und Grün – dazwischen gibt´s nix. Außer natürlich Kakteen, Gerölls und ja, Lebewesen, denen man nicht so gerne begegnet: Schlangen und Skorpione!

Zwar beruhigt mich einer der vielen dienstbaren Geister, die einem hier das Golfspielen erleichtern, sei es, dass sie die Bags vom Kofferraum zum Wagerl tragen (Carts sind wie meist in den USA nahezu obligatorisch), die Schläger putzen oder sinnvolle Tipps am ersten Tee geben, dass es bereits drei Jahre her sei, dass jemand von einer Schlage gebissen worden wäre. Er hätte aber Glück gehabt, das liebe Vieh hätte einen „trockenen“ Biss ohne Giftspritzer verabreicht und so sei nichts passiert. Und im Winter verkröche sich das Getier ohnehin ins Erdreich. Wer sich mit seinen Schlägen auf diesen typischen „target golf courses“ verirrt, landet dann aber unweigerlich in diesem Reich des Bösen. Jetzt gibt’s zwei Optionen, mutig den Ball zu suchen und ihn auch zu spielen, denn meist liegt er erstaunlicherweise gar nicht so schlecht oder man nimmt die sogenannte „desert rule“ in Anspruch. Die gilt automatisch in ganz Arizona und behandelt alle desert areas als seitliches Wasserhindernis. Man droppt also im sicheren grünen Bereich und spielt brav weiter (der übliche Strafschlag gilt natürlich auch hier – logo, oder?).

Da sich das widerliche Getier aber angeblich im Winterschlaf befindet, verzichte ich mutig auf diese „Weicheier-rule“. Außerdem habe ich mein altes, ohnehin schon zerkratztes Sandwege mit, dass einerseits für Notfälle aller Art dienlich ist, andererseits sich der Frust über zerkratzes Material – die Steine! – in Grenzen hält.
Denn wie überall auf der Welt, gilt auch in Arizona die gute alte Weisheit: Keep it on the short gras.

Der Tiger meidet die Wüste

Seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts schossen diese für Arizona so typischen Target Courses wie Schwammerln aus dem kargen Boden und die bekanntesten der Golfplatzdesigner haben sich hier verwirklicht – Nicklaus, Fazio, R. Trent Jones, Dye, Weiskopf, Palmer, Hills, um nur die prominentesten zu nennen. Die bauliche Begrenzung der begrünten Flächen ist wohl nicht ganz freiwillig, besagen doch die strengen Wassergesetze des Wüstenstaates, dass für einen Golfkurs nur 90 acres (ca 3, 6 Quadratkilometer) künstlich bewässerte Flächen vorgesehen werden dürfen – schließlich regnet es ja kaum in Arizona, was ich ja schon hinlänglich erklärt habe.

Arizona lässt sich mathematisch am besten begreifen: 330 Sonnentage dividiert durch 200 Golfkurse ergibt in Summe eine Art Schönwettgarantie für jede Golfrunde im Jahr.

All diese Einschränkungen können für einen Kurs allerdings wohl nicht gelten, dem Tournament Player Course Scottsdale, kurz TPC Scottsdale. Dieser an infrastruktureller Großzügigkeit kaum zu überbietende Platz ist alljährlich Ende Jänner/Anfang Februar Schauplatz der Phoenix Open (seit fünf Jahren nach dem Sponsor FBR – eine US-Investmentbankinggruppe – benannt). Das Turnier ist das fünftälteste der P.G.A.-Tour und lockt alljährlich die größten Zuschauermassen an. Heuer fand der Tourklassiker noch dazu am selben Wochenende statt, als Phoenix das Finale der Super Bowl beherbergte (das Endspiel der American Football Liga NFL, für Amerika DAS sportliche Highlight des Jahres!) und sich damit noch mehr als sonst zu einem wahren Tollhaus entwickelte. Da der Kurs als „stadium course“ konzipiert ist, finden mehr als 100.000 Zuschauer pro Tag Platz, für die auf den letzten vier Löchern Tribünen aufgebaut sind, die auf den ersten Blick eher in ein Fußballstadion passen würden, als auf einem Golfplatz. Und demnach ist auch die Stimmung – vor allem auf dem 16. Loch, einem eigentlich eher unscheinbaren Par 3, um das im V-Stil zwei riesige, stets bummvolle Tribünen stehen. Mit großem Hallo und Tamtam werden dort die Spieler, die durch einen tunnelähnlichen Gang vom 15. Grün herüber dieses Amphitheater betreten. Und wehe, das Grün wird verfehlt, ein Orkan der Buhs überschüttet den Unglückseligen, egal, um welche millionenschwere Größe es sich da handeln mag. Mancher soll auch schon mit dem Inhalt der Bierbecher der teils nicht mehr nüchternen „Fans“ Bekanntschaft geschlossen haben. Doch die PGA-Stars lieben dieses einzigartige, auf keinem anderen Turnier vorstellbare Ambiente – mit einer, allerdings prominenten, Ausnahme: Tiger Woods! Dem Weltranglistenersten ist gerade der Rummel hier und die fehlende Distanz zum Publikum und umgekehrt  ein Born des Ärgernisses, deswegen spielt er seit einigen Jahren nicht mehr mit. Dabei hat gerade er 1997 auf dem 16. Loch ein hole in one erzielt und zwei Jahre darauf für eine weitere legendäre Episode gesorgt. Als er einen seiner Drives unter einen riesigen Felsblock platzierte, forderte er kurz entschlossen mehrere Zuschauer auf, den Block wegzustemmen. Gesagt, getan, mit vereinten Kräften schoben mehrere Helfer den Riesenstein weg und Tiger konnte problemlos schwingen und weiter spielen (allerdings führte gerade dieser Zwischenfall zu einer Regeländerung, wonach auf der Tour bei solchen und ähnlichen Ereignissen nur noch der Spieler und sein Caddie und keine weiteren „Hilfskräfte“ ein solches Hemmnis entfernen dürfen…). Den Felsblock gibt’s immer noch, mit einer Messingtafel an diese Mär erinnernd und mittlerweile treffend „Tiger´s rock“ genannt. Also, eigentlich keine schlechten Erinnerungen für den Tiger – allerdings gewonnen hat er dieses Turnier nie, und wird er es wohl auch nie mehr, wenn es in Zukunft bei seiner Boykottentscheidung bleibt. Übrigens, ein gewisser Bob Goldwater begründete 1932 die Phoenix Open. Den Namen hat man doch schon einmal irgendwo gehört, oder? Sein Bruder, Senator Barry Goldwater, ein ultrakonservativer Republikaner, unterlag im Präsidentschaftswahlkampf 1964 dem Demokraten Lyndon B. Johnson, der ja als Vizepräsident nach der Ermordung von John F. Kennedy in das Amt gekommen war. Den Namen Ralph Guldahl hingegen muss man selbst als Golffreak nicht unbedingt auch schon einmal vernommen haben. Er gewann die erste Phoenix Open und kassierte 600.- $ Siegprämie, im Vorjahr gab es für den Sieger, dem Australier Aaron Baddeley, erstmals mehr als eine Million Dollar!

Arizona: Wo Wüsten vegetierenIt’s only money: Greenfeepreise jenseits der 200-Dollar-Marke, ein Früstückskaffee oder ein Bier nach der Runde kaum unter 5 Dollar, ein Zimmer in einem besseren Hotel nicht unter 300 Dollar – das ist üblich. Soll es ein Refugium in einer nobleren Herberge, wie etwa dem „Fairmont Princess“ sein, muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Und die Preise für einen Langstreckenflug sind im Zeitalter der Kerosinaufschläge und Sondergebühren für Golfbags auch nicht mehr die billigsten. Aber was soll´s, man gönnt sich ja sonst nichts, oder? Daher kann ich uneingeschränkt die Empfehlung aussprechen – wen jemanden diese Destination reizt, dann bitte kein Zögern, go west!

Von Phönix nach Las Vegas

Wem Golf in einer unvergleichlichen Ausformung wie hier allerdings zuwenig für einen perfekten(Winter-)Urlaub ist, dem hat Phoenix/Scottsdale nicht allzu viel zu bieten, auch wenn mein längst ausgelesener Prospekt von hunderten Designer Shops, manchem Fun Park und ähnlichem Freitzeitangebot spricht. Mit einer Ausnahme: Arizona ist die Weltmetropole der Ballonfahrer. Ein Flug im Hängekorb in schwindelnder Höhe über die Wüste Arizonas ist schon ein einzigartiges Erlebnis, auch wenn einen doch ein recht mulmiges Gefühl beschleicht, je höher der Heißluftballon klettert. Jedenfalls war ich trotz aller Ergriffenheit über das ruhige Schweben über dem Horizont doch recht froh, nach bestandener Fahrt wieder festen (Wüsten-)boden unter meinen Füßen zu haben. Wirkliche und in aller Welt berühmte Attraktionen sind allerdings nicht allzu weit entfernt. Man nehme sich daher ein paar Tage Golf-Auszeit und breche zum Colorado River auf, um dort das weltberühmte Naturdenkmal des Grand Canyon zu bestaunen. Und wer es lauter haben will, die Glitzer- und Vergnügungsmetropole Las Vegas mit seinen Casinos und Shows ist nur eine knappe Flugstunde entfernt. Und dort, in der Wüste Nevadas, regnet es angeblich wirklich nie!

 

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