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Featherie, Guttapercha & Co

Ob sie’s glauben oder nicht, über Golfbälle könnte man Bücher schreiben.

Equipment - März 2017 von Regina Dvorak
Featherie, Guttapercha & Co
28/02/2010 LPGA Tour 2010, HSBC Women’s Champions, Tanah Merah Country Club, Garden Course, Singapore. 25-28 Feb. Members dressed as red golf balls during the final round.

Ein Golfball sollte rund sein. Und er gehört ins Loch. Was sonst noch? Geschichte, Physik, Aufbau, Materialien, Unterschiede und individuelle Modellwahl sind jeweils Themen, die schon für sich genommen eine Menge hergeben.

Die Beschaffenheit und Größe so eines Balls unterliegen natürlich den Golfregeln des Royal and Ancient Golf Club of Saint Andrews: Der Durchmesser muss mindestens bei 42,67 Millimetern liegen, das maximale Gewicht bei 45,93 Gramm. So weit die grundsätzlichen Voraussetzungen. Alles andere ist Entwicklung.

Mehr als 400 Jahre lang prägte der sogenannte „Featherie“ die Plätze. Ein Geschoss im Vergleich zu den bis dahin benutzten Holzbällen. Im Großen und Ganzen wurden Federn in einen nassen Lederbeutel gestopft und zugenäht. Das Leder schrumpfte, die Federn dehnten sich aus, und so entstand ein harter Ball, der für Rekord-Drives (zum Beispiel 1836 361 Yards von Samuel Messieux auf dem Saint Andrews Old Course) sorgte. Einzig: Der Ball war extravagant teuer, maximal vier Bälle am Tag konnten die besten Ballhersteller fabrizieren, und so starb er um 1850 aus, als die Industrialisierung im Golfballbau erfolgte.

Der Guttapercha, „Guttie“ genannt, war aus natürlichem malaiischem Gummi, billiger und haltbarer als seine Vorgänger und hatte keine hässlichen Nähte mehr. Doch unerklärlicherweise konnte er mit dem Featherie in seiner Leistung nicht konkurrieren. Die Schläge wurden kürzer, er krepierte quasi in der Luft. Außer der Ball hatte viele Kratzer und Narben. Je mehr davon, umso stabiler flog er. Also wurden die Bälle vor Gebrauch gnadenlos zurechtgehämmert. Die Aerodynamik ward angewandt, und während Herr Bernoulli und Herr Magnus die zugehörigen Gesetze der Strömungsmechanik formulierten, hätte bis dahin niemand vermutet, dass die hässlichen Nähte für den anmutigen Flug der Golfbälle zuständig waren.

Und auch ohne aufwendige Marktforschung verstanden die Hersteller, dass es ein Marketingvorteil sein könnte, von vornherein bearbeitete Bälle anzubieten. Zur Jahrhundertwende wurden Gutties mit Rillen, Augen, Beulen, Dellen und Blasen angeboten – die Designs folgten weniger streng wissenschaftlichen Kriterien, eher waren sie besonders kunstvoll. Und jedenfalls waren sie besser als glatte Bälle. Am besten funktionierte das „Bramble“- oder Brombeermuster mit stellenweise dichten Wölbungen.

1908 dann die Revolution: William Taylor erhielt ein Patent auf ein Beerenmuster, das nicht Erhebungen, sondern Vertiefungen aufwies, die noch dazu gleichmäßig über den Ball verteilt waren. Aerodynamik wie auch Kosmetik funktionierten gleichermaßen, und abgesehen von ein paar Irrläufern funktioniert dieser Dimple-Standard bis heute.

Warum fliegt der Ball? Die Gretchenfrage

Sehr vereinfacht gesagt: Grundsätzlich fliegt so ein Ball durch seinen Drall (= Spin). Durch die Drehung entsteht an der Unterseite ein Luftpolster, dadurch gibt’s den (guten) Auftrieb. Der (böse) Luftwiderstand wird durch die Dimples im Zaum gehalten, diese generieren mikroskopische Turbulenzen, die wiederum wie ein fliegender Teppich wirken.

Die im Golf optimale Flugkurve wird durch eine Kombination von vornehmlich drei Faktoren beeinflusst: von der Startgeschwindigkeit, dem Abflugwinkel und der Spin-Rate. Wenn diese Faktoren ideal zusammenpassen, fliegt der Ball wunderbar. Die Startgeschwindigkeit geben wir durch unsere Schwunggeschwindigkeit vor. Der Abflugwinkel ist von der Stellung des Schlägerblatts abhängig, die Spin-Rate jedoch ist schon hinterhältiger. Sie ist abhängig von der Startgeschwindigkeit – man braucht die richtige Menge davon, um eine annähernd ideale Flugkurve zu erzielen –, und sie setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: dem Backspin und dem Side-Spin.

Wie fliegt der Ball? Die Kurvenfrage

Bälle mit viel Spin, also auch viel Auftrieb, steigen höher (was grundsätzlich gut ist, weil der Ball weiter fliegt), fallen aber bei geringer oder nachlassender Geschwindigkeit auch ganz schnell wieder herunter und bleiben auf der Stelle liegen. Sie sind leichter kontrollierbar, und sie nehmen auch viel Side-Spin – oft unbeliebt als unabsichtlicher Draw, Fade, Hook oder Slice auftretend – an.

Bälle mit weniger Spin steigen weniger hoch, fallen aber auch nicht so schnell wieder herunter, wenn der Auftrieb nachlässt. Durch die weniger rundliche Flugkurve rollen sie auch auf dem Boden meist noch ein Weilchen. Sie sind weniger kontrollierbar und auch weniger anfällig für Seitendrall.

Was nun besser ist, hängt natürlich vom individuellen Können und von den Vorlieben ab. Das sind jedenfalls die Facts.

Wie viele Schichten braucht ein Ball? Die Anspruchsfrage

Ein Golfball ist in der Minimalvariante aus einem Kern und einem Mantel gebaut. Das reicht an sich. Darüber hinaus gibt es bis zu drei Zwischenschichten, die verschiedenes wollen und können.

Je fester und kleiner der Kern des Balls ist, umso weniger verformt er sich im Moment des Schlags, umso weniger Spin (= Auftrieb) nimmt er an.

Je größer und weicher der Kern ist, umso mehr verformt er sich beim Abschlag und nimmt mehr Spin an.

Nachdem im Idealfall Driverschläge sehr lang sind, kurzes Spiel und Green aber Kontrolle verlangen, wird bei vielen Bällen durch verschiedene Zwischenschichten die Komprimierung des Balls abgestuft. Wird der Ball mit dem Holz hart geschlagen, verformt er sich bis zur festen Kernschicht, bei abnehmend harten Schlägen bis zum Green variieren die Balleigenschaften je nach den Zwischenlagen.

Die Beschaffenheit des Außenmantels ist wiederum abhängig vom Fokus des Balls. Dünne, weichere Schalen optimieren die Kontrollierbarkeit, sind aber auch weniger widerstandsfähig. Harte Schalen kommen im Allgemeinen der Geschwindigkeit zugute. Darüber hinaus wird natürlich danach getrachtet, den optimalen Energietransfer zwischen Schläger und Ball zu garantieren, dies unter anderem durch die Reduktion der Nähte an der Oberfläche des Balls. Nahtlose Bälle oder auch speziell verzahnte Nähte exakt entlang der Dimples verbessern die Oberflächenabdeckung für die Aerodynamik und gewährleisten optimale Übertragungsenergie.

Welcher Ball für wen? Die Glaubensfrage 

Natürlich ist die Frage nach dem individuell besten Ball eben eine individuelle. Wichtig ist jedenfalls: Vorurteile ablegen, Images hinterfragen, profund beraten lassen und ausprobieren, bis der individuell passende Ball gefunden ist. Und dann: dabei bleiben. Der permanente Wechsel von Bällen unterstützt keinesfalls die Konstanz Ihres Spiels, speziell auch bei schwierigen Schlägen (zum Beispiel vor dem gefürchteten Hindernis).

Einsteiger/Seltenspieler: Keine teuren Bälle bitte! Wenn Sie Ihren Verbrauch hochrechnen, werden Sie zu weinen beginnen, und etwaige Fehler werden durch aufwendige Bälle nur verstärkt. Ein ordentlicher 2-Piece-Ball ist jedenfalls auf Ihre Schwunggeschwindigkeit, Ihre noch nicht vorhandene Konstanz und Ihr Bedürfnis nach Weite ausgelegt. Darüber hinaus gibt es tolle günstige Bälle, die je nach Ihrer Schwunggeschwindigkeit den Fokus auf mehr oder weniger Spin legen.

Spieler mit niedrigerer Schwunggeschwindigkeit: Mehr Auftrieb bitte: Ein Ball, der zusätzlichen Spin generiert, wird bei Ihnen auffällig weiter fliegen. Ideal sind 3-Piece-Bälle, die durch einen weichen Kern Distanz bringen und ansonsten kontrolliert spielbar sind. Bei präzisen, langsameren Schlägen darf man auch die Furcht vor verstärktem Seitendrall ruhig außer Acht lassen.

Mittlere Handicaps: Abhängig von Ihrem Schwung und je nach individueller Vorliebe wäre ein 3-Piece-Ball ideal, der eine weiche Schale für angenehmes Schlaggefühl und Manövrierbarkeit mit einem recht harten Kern für optimale Länge und Richtungsstabilität gewährleistet.

Ob das weitere Augenmerk auf flachere Landephasen für mehr Roll, reduzierten Side-Spin für geradere Schläge oder noch mehr Spielbarkeit im Kurzspiel liegt, bleibt ganz Ihnen überlassen.

Niedrige Handicaps: Sicherlich der speziellste Bereich. DEN Ball gibt es auf keinen Fall. Je differenzierter das Spielkönnen, desto wichtiger, dass der Ball die persönlichen Stärken unterstützt und ideal mit Spieler und Equipment korreliert. Beraten lassen, ausprobieren.

Wie beim Schlägerkauf ist grundlegende Beratung im Ballbereich für das optimale Ergebnis unumgänglich. Verschiedene Schäfte reagieren auf verschiedene Bälle unterschiedlich, und Bälle reagieren höchst verschieden auf diverse Schwünge.

Wichtig ist jedenfalls, dass der permanente Wechsel von Bällen, wie es auch beim Schläger wäre, konstantes Spiel sicher nicht unterstützt. Jeder Ball fliegt etwas anders, fühlt sich etwas anders an und reagiert verschieden. Auch die Angst vor dem Wasserhindernis, an dem bevorzugt gefundene oder alte Bälle verwendet werden, wird dadurch nicht besser. Je mehr man einen Ball und seine Eigenschaften gewohnt ist, umso mehr Konstanz generiert man im Spiel, speziell bei schwierigen Schlägen.

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