Mit 69 Jahren gewinnt Bernhard Langer noch immer Turniere – und das in einer Sportart, in der längst eine neue Generation den Ton angibt. Der zweifache Masters-Sieger hat sich nie über Talent allein definiert, sondern über Disziplin, Beständigkeit und den unbedingten Willen, jeden Tag besser zu werden. Im Gespräch spricht der erfolgreichste deutsche Golfer über körperliche Grenzen, mentale Stärke, seinen Glauben und warum Genuss durchaus Teil seines Erfolgsrezepts ist.
Herr Langer, haben Sie irgendwann aufgehört, Ihre Siege zu zählen?
Um ehrlich zu sein: ja. Erst vor Kurzem habe ich zu meinem Bruder, der gleichzeitig mein Manager ist, gesagt: „Eigentlich wäre es interessant zu wissen, wie viele Profisiege ich genau errungen habe.“ Ich schätze, es sind irgendwo zwischen 128 und 133. Eine Strichliste habe ich jedenfalls nie geführt.
Mit 68 gewinnen Sie noch immer Turniere. Was macht das möglich?
Der Titel der Dokumentation Der ewige Champion spielt wohl genau darauf an. Ich bin mittlerweile 68 Jahre alt, seit mehr als 50 Jahren Profi und gewinne immer noch Turniere – in einem Alter, in dem die meisten ihre Karriere längst beendet haben. Das kommt im Profigolf nicht oft vor. Natürlich hilft es auch, dass ich sehr früh angefangen habe.
Wie unterscheidet sich Ihr Training heute von jenem vor 30 oder 40 Jahren?
Früher habe ich an manchen Tagen 500 Bälle geschlagen. Das wäre heute undenkbar. Heute sind es vielleicht 100 bis 200 – dafür deutlich konzentrierter. Der Schwerpunkt liegt auf dem kurzen Spiel, dazu kommen Regeneration, Stretching und gezieltes Fitnesstraining. Und ich gönne mir bewusst Pausen. Früher wäre das kaum denkbar gewesen.
Man hat den Eindruck, dass Sie körperlich erstaunlich fit geblieben sind. Verletzungen waren bei Ihnen nie ein großes Thema.
Das täuscht etwas. Viele wissen gar nicht, dass ich während meiner Bundeswehrzeit einen Stressbruch in der Lendenwirbelsäule hatte – im Bereich L4/L5. Dazu kamen über viele Jahre Bandscheibenprobleme. Ich habe immer wieder mit Schmerzen gespielt und war zeitweise wochenlang außer Gefecht. Auch eine Daumenoperation mit langer Rehabilitation gehörte dazu. Darüber wurde öffentlich allerdings kaum gesprochen.

Bernhard Langer –
Der ewige Champion
Geboren: 27. August 1957 in Anhausen (Bayern)
Profi seit: 1972
Profisiege: mehr als 120 weltweit
Major-Titel: Masters Tournament 1985 und 1993
Champions Tour: Rekordsieger mit Turniererfolgen bis ins siebte Lebensjahrzehnt
Auszeichnungen
Bundesverdienstkreuz (1997)
World Golf Hall of Fame (2002)
Mehrfacher Gewinner der European Tour Order of Merit
Ryder-Cup-Spieler und Ryder-Cup-Kapitän
Was ist Ihr persönliches Rezept für körperliche Langlebigkeit?
Ich stamme aus einer Generation, in der Krafttraining im Golf eher kritisch gesehen wurde. Gary Player war damals eine der wenigen Ausnahmen. Ich selbst habe immer mit leichten Gewichten gearbeitet, dazu Gymnastik, Therabänder und viel Ausdauertraining. Schwere Gewichte waren nie mein Ansatz.
Heute nutze ich selbstverständlich moderne Hilfsmittel wie TrackMan – allerdings sehr gezielt. Es geht nicht darum, möglichst viele Daten zu sammeln, sondern die richtigen Informationen sinnvoll einzusetzen. Entscheidend bleibt immer das Gefühl.
Wie sieht ein typischer Turniertag auf der Champions Tour aus?
Ich beginne ungefähr drei Stunden vor meiner Startzeit. Zunächst geht es in den Fitnessbus: Laufband, Therabänder, leichtes Krafttraining und Stretching. Das dauert etwa eine Stunde. Danach frühstücke ich, gehe auf die Driving Range und anschließend zum Putten.
Nach der Runde folgt noch einmal Stretching. Wenn ich zu Hause bin, trainiere ich täglich zwischen eineinhalb und zwei Stunden im Fitnessstudio – nach einem Programm, das ich über viele Jahre selbst entwickelt habe.

Sie sind seit Jahrzehnten rund um den Globus unterwegs. Wie gehen Sie mit Jetlag um?
Ich versuche, mich möglichst schnell an die neue Zeitzone anzupassen. Das bedeutet: früh aufstehen, viel Tageslicht und sofort den neuen Rhythmus annehmen. Medikamente nehme ich keine.
Trotzdem braucht der Körper Zeit. Besonders die Rückreise aus Amerika nach Europa fällt mir schwerer als umgekehrt, weil man gegen die innere Uhr arbeitet. Das spürt man nicht nur an der Müdigkeit, sondern sogar an der Verdauung. Es dauert einfach, bis der Organismus wieder im Gleichgewicht ist.
Sie gelten als Inbegriff der Disziplin. Gibt es trotzdem Dinge, bei denen Sie schwach werden?
(lacht) Ja, durchaus. Ich trinke kaum Alkohol, rauche nicht und achte darauf, ausreichend zu schlafen. Aber bei Süßigkeiten fehlt mir manchmal die nötige Disziplin. Da könnte ich mich sicher noch verbessern.
Ansonsten esse ich das, worauf ich Lust habe – allerdings in vernünftigen Mengen. Ich bin kein Dogmatiker. Genuss gehört zum Leben dazu.
Sie gelten als außergewöhnlich mental stark. Welche Rolle spielt Ihr Glaube dabei?
Eine sehr große. Ich bin katholisch aufgewachsen, war Ministrant und bin praktisch täglich in die Kirche gegangen. Damals war mein Glaube allerdings vor allem von Regeln geprägt. Eine persönliche Beziehung zu Gott hatte ich noch nicht.
Das änderte sich, als ich begann, die Bibel intensiv zu lesen. Dadurch entwickelte sich mein Glaube an Jesus Christus immer stärker. Diese Beziehung hat mein Leben nachhaltig verändert.
Ich würde mich deshalb auch nicht als religiösen Menschen bezeichnen, sondern als Christen. Mein Glaube ist das Fundament meines Lebens. Er gibt mir Frieden, Orientierung und Sicherheit – gerade in schwierigen Zeiten.
Gab es Momente, in denen Sie ernsthaft ans Aufhören gedacht haben?
Ja. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Turnier 1989 in Michigan. Ich spielte eigentlich hervorragend, traf 17 Grüns in Regulation und unterschrieb trotzdem eine 78. Es wollte einfach kein Putt fallen.
Ich war unglaublich frustriert und fragte mich, warum ich mir das überhaupt antat. Damals habe ich gebetet: „Gott, zeig mir, was du mit meinem Leben anfangen willst.“ Nur zwei Wochen später lief es wieder deutlich besser. Und 1990 begann mit dem langen Putter noch einmal ein völlig neues Kapitel meiner Karriere.
Wie viel Ihrer Disziplin ist angeboren – und wie viel haben Sie sich erarbeitet?
Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der harte Arbeit selbstverständlich war. Meine Eltern haben oft 16 bis 18 Stunden täglich gearbeitet. Disziplin war nichts Besonderes, sondern einfach Teil unseres Alltags.
Dazu kam, dass ich früh erkannt habe: Talent allein reicht nicht. Wenn Tausende Spieler dasselbe Ziel verfolgen, muss man bereit sein, mehr zu investieren als die anderen. Ich wollte nie einfach nur gut sein. Ich wollte besser sein.

Gibt es einen Titel, der Ihnen besonders viel bedeutet?
Natürlich nehmen die beiden Masters-Siege einen besonderen Platz ein. Das Masters zu gewinnen, ist für jeden Golfer etwas Außergewöhnliches. Mindestens genauso viel bedeutet mir aber die PNC Championship, bei der ich gemeinsam mit meinem Sohn gespielt habe. Dieses Turnier ist etwas ganz Besonderes, weil die Familie im Mittelpunkt steht. Solche gemeinsamen Momente kann man nicht kaufen.
Auch an meinen ersten Sieg als Profi oder meinen ersten Triumph bei den German Masters erinnere ich mich gerne. Jeder Erfolg hat seine eigene Geschichte und seinen eigenen Stellenwert.
Golfprofis präsentieren sich heute auf nahezu allen Social-Media-Kanälen. Wie stehen Sie dazu?
Eher zurückhaltend. Ich habe zwar einen Instagram-Account, bin dort aber nicht besonders aktiv. Ich finde es teilweise erstaunlich, wie viel Menschen aus ihrem Privatleben öffentlich machen. Manchmal wirkt es fast so, als würden sie vergessen, dass Millionen Menschen mitlesen können. Das entspricht einfach nicht meiner Persönlichkeit.

