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Sophia Popov: Vom Caddie zum Champ

Nach Jahren des Wartens und Zweifelns holt sich Sophia Popov im August völlig überraschend ihren ersten Turniersieg. Und das nicht irgendwo, sondern bei den AIG Women’s Open in Royal Troon, einem Majorturnier. Popov schreibt damit ein neues Kapitel im großen Buch der märchenhaften Sportgeschichten.

Sport - August 2020 von Jan-Christoph Poppe
Sophia Popov: Vom Caddie zum Champ
Sophia Popov – am Ende ihrer Cinderella Story | Photo by Richard Heathcote/ Getty Images

Nach Jahren des Wartens und Zweifelns holt sich Sophia Popov im August völlig überraschend ihren ersten Turniersieg. Und das nicht irgendwo, sondern bei den AIG Women’s Open in Royal Troon, einem Majorturnier. Popov schreibt damit ein neues Kapitel im großen Buch der märchenhaften Sportgeschichten.

Der Begriff Cinderella-Story ist vielbemüht, geradezu abgegriffen, wenn es darum geht, mitreißende Geschichten aus der Welt des Sports zu erzählen. Um wirklich gut zu sein, muss die Geschichte nicht nur wahr, sondern vor allem wahrhaftig sein. Und tatsächlich ist es einer jungen Sportlerin gelungen, den häufig dornenreichen Weg durch die Golfwelt zu gehen, allen erdenklichen Widerständen zu trotzen und das Ganze in ein fulminantes Finale münden zu lassen. Cinderella heißt in diesem Fall allerdings anders. Ihr Name lautet Sophia Popov. 

Die 27 Jahre alte Deutsch-Amerikanerin wurde in Massachusetts geboren, wuchs jedoch in Weingarten nahe Karlsruhe auf. Die ersten Schritte Richtung Proette ging sie in Deutschlands Vorzeigeclub St. Leon-Rot, es folgten einige Jahre College-Golf an der University of Southern California, ein Abschluss in Kommunikationswissenschaften, der Sprung ins Profilager 2014. Und nein, das ist noch keine Cinderella-Story, das ist der normale Werdegang eines Golfprofis auf der Suche nach sportlichem Erfolg. Aber für Sophia Popov dauert diese Suche lange, sie ist verbunden mit einigen durchwachsenen Jahren auf der LPGA Tour, vor allem aber immer wieder mit Rückschlägen. Drei Jahre lang irrt sie mit mysteriösen Beschwerden von Arzt zu Arzt, bis sie die Diagnose Lyme-Borreliose bekommt, eine meist durch Zecken übertragene Krankheit. Gedanken ans Karriereende mit Mitte 20 kommen auf, dazu addiert sich der Verlust der Tourkarte für die LPGA-Tour – die neuerliche Spielberechtigung für die aktuelle Saison verpasst sie in der Qualifikation 2019 mit einem verschobenen Putt am letzten Loch.

Popov als Caddie auf der LPGA Tour

Popov spielt weiter, wie in den Vorjahren auch schon zumeist auf der kleineren Symetra-Tour, aber der große Erfolg mag sich nicht einstellen. Zwar gewinnt sie 2020 auf der nicht professionell lizenzierten Cactus-Tour (einer Serie, die sich munter durch die Corona-Krise spielt) einige kleine Events. Doch die Beträge, die sich dort verdienen lassen, sind marginal. Ende Juli verdingt sich Sophia Popov als Caddie für ihre Freundin Anne van Dam bei der LPGA Drive On Championship in Toledo, Ohio – immerhin, sie schnuppert mal wieder etwas Tour-Luft. Die Tür zum Märchenschloss öffnet sich eine Woche später: Weil viele genannte Teilnehmerinnen wegen der Corona-Krise von der LPGA Marathon Classic zurückziehen, rückt Popov nach und erspielt sich den geteilten neunten Platz. Der wiederum bringt sie nach Royal Troon, zur AIG Women´s Open, einem der wichtigsten Majors der Damenserien. Am Sonntag, dem 22. August, holt sich die Weltranglisten-304. Sophia Popov, die im Lauf ihrer Karriere noch kein Profiturnier hat gewinnen können, als krasse Außenseiterin dort den Sieg. Sie ist neben Bernhard Langer und Martin Kaymer die erst dritte deutsche GolferIn, die einen Majortitel holt. Nun, da ist sie, die Cinderella-Story.  

Sophia Popov: Vom Caddie zum Champ
Der große Moment für die Nachwelt – wenn die Fotos geschossen werden! Photo by David Cannon/Getty Images

Unter Tränen versenkt sie nach einer weitgehend reibungsfreien Schlussrunde den letzten Putt. Sie gewinnt mit zwei Schlägen Vorsprung vor der Thailänderin Jasmine Suwannapura. „Ich glaube, ich bin da zusammengebrochen, weil das eine so unglaubliche Geschichte ist, von der ich vor einer Woche nicht mal zu träumen gewagt habe“, schildert Popov diesen Moment. Ihr Freund Maximilian, der sie als Caddie begleitet, gibt ihr in den entscheidenden Situationen immer wieder Halt. Familiär hielten es viele Spielerinnen bei dieser Ausgabe der Open. Das Turnier in Royal Troon gilt schon jetzt als das wohl familiärste aller Zeiten – aufgrund der strengen Sicherheitsvorschriften waren die meisten Spielerinnen mit dem kleinstmöglichen Team angereist, Mütter, Väter, Schwestern, Freunde dienen als Caddies.

Popov: Eine Woche hat mein Leben auf den Kopf gestellt

Und in dieser Atmosphäre, vielleicht sogar befreit von dem ganz großen Druck, die entscheidenden Bahnen am letzten Tag vor Publikum spielen zu müssen, holt sich Sophia Popov den Sieg. Mit dem letzten Putt fällt nicht nur ein Ball, es fallen die letzten Jahre von der 27-jährigen ab, die Rückschläge und Gedanken ans Aufhören sind nichtig: „Eine Woche hat mein Leben auf den Kopf gestellt“, verkündet sie im Anschluss über ihre social media Kanäle. Und stellt im Interview fest: „Die Open waren eigentlich nur ein Bonus für mich“, nochmal verdeutlichend, dass sie selbst aus allen Wolken in ein plötzlich aufgeplopptes Märchenschloss gefallen ist. Zusammen mit 675.000 Dollar Preisgeld – mit dieser Summe hat sie ihre Karriereverdienste durch einen einzigen Sieg versechsfacht. 

Um wirklich gut zu sein, muss eine Geschichte nicht nur wahr, sondern wahrhaftig sein. Diese junge Frau hat allen Widerständen getrotzt und das Ganze in ein fulminantes Finale münden lassen.

Mutter Amerikanerin, Vater Deutscher – ihr Leben ein Pendeln zwischen Deutschland und den USA, gleichzeitig ein Leben in sportlichen Extremen: Wie geht es weiter für Sophia Popov? Erst einmal gilt es, die plötzlich errungene Aufmerksamkeit zu nutzen. Das aktuelle sportstudio hat eingeladen, nationale wie internationale Medien sind, sie ist schließlich hollywood-reif, auf Popovs Geschichte angesprungen. Davon kann und sollte auch das Damengolf im deutschsprachigen Raum profitieren. Für Popov persönlich bedeutet der Sieg Erleichterung – aber ebenso schon wieder Stress, denn sie hat sich damit in ein sprichwörtliches Dilemma gespielt.

Popov: Trotz Major-Sieg kein LPGA-Spielrecht

Auf der einen Seite ein Majortriumph, den ihr niemand mehr nehmen kann, lebenslanges Startrecht bei der Open Championship und ein Jahr Spielberechtigung auf der LPGA Tour. Wermutstropfen im Siegerchampagner ist die Tatsache, dass Majorchampions normalerweise für fünf Jahre auf der LPGA Tour spielberechtigt sind – allerdings nur, wenn sie zum Zeitpunkt ihres Majorsieges dort aktiv sind. Das ist -Sophia Popov nicht, weil sie, Sprung zurück in die Mitte der Cinderella-Story, die Quali dafür Ende 2019 um einen Schlag verpasst hat. 

Es scheint viel Wasser in den badischen Wein zu fließen: „Es ist hart, weil ich das Gefühl habe, dass ich die volle 5-Jahres-Starterlaubnis auf der LPGA verdient habe, aber gleichzeitig verstehe ich die Regeln und die Tatsache, dass sie die Regeln für eine bestimmte Spielerin nicht ändern können“, konstatiert Popov. Für jemanden, der schon diverse Jahre auf der LPGA-Tour verbracht hat, ist diese Regelung tatsächlich ein herber Rückschlag. Aber eines hat Sophia Popov inzwischen gelernt: Rückschläge wegzustecken und sie in Märchen umzuwandeln. Das Buch bleibt aufgeschlagen. Die nächsten Kapitel warten bereits.

SIMPLY GOOD 2 KNOW: Sophia Popov

geboren am 2. Oktober 1992 in Massachusetts, wächst in Deutschland nahe Karlsruhe auf. Sie hat zwei Geschwister, ist sportbegeistert und beginnt mit fünf Jahren mit dem Golf. Schnell entpuppt sie sich als außerordentliches Talent, wird 2008 deutsche U16-Meisterin, 2009 Mitglied des europäischen Junior Solheim Cup Teams und gewinnt 2010 die International European Ladies Amateur Championship.

Als Collegespielerin holt sie für die University of Southern California zwischen 2011 und 2014 fünf Siege und wird viermal als All American ausgezeichnet. 2014 startet sie ihre Profikarriere. Ihr Sieg bei der AIG Women´s Open ist ihr erster Profierfolg überhaupt.

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